Freitag, 23. Juni 2017

 

Tradition und Leben E-Mail
Beitragsseiten
Tradition und Leben
Von Kühen und Käse
The Cambrian - Ein Hotel mit Charakter
Alle Seiten
Im Berner Oberland werden Tüchtigkeit und Ruhe groß geschrieben

Direkt zu Beginn meiner Reise und auf dem Weg zum Gasthaus der Familie Bärtschi auf der Engstligenalp im Berner Oberland wird mir klar, wie beschwerlich es vor gar nicht allzu langer Zeit gewesen sein muss, ohne Elektrizität und fließend Wasser, die täglich anfallenden Arbeiten zu erledigen.

Denn während ich von der Seilbahn sanft und schnell den steilen Abhang hinauf getragen werde, mussten die Bewohner für viele Erledigungen zu Fuß hinunter und wieder hinauf. Wäsche waschen im stets 4 Grad Celsius kalten Fluss, nasse Leintücher und schwere Wasserbehälter auf dem Rücken vom Brunnen zurück zur Hütte schleppen. Einen Blick für die imposanten Engstlingenfälle, die zweithöchsten Wasserfälle der Schweiz, hatten sie dabei bestimmt nicht – ich hingegen bestaune das 600 Meter in die Tiefe stürzende Wasser beim bequemen Vorbeigondeln in unmittelbarer Nähe. Oben angekommen, öffnet sich der Blick über das kleine Dorf Adelboden und die dahinter gelegene Wildstrubelkette, die an ihrem höchsten Punkt 3.243,5 Meter misst.

Nach wenigen Schritten Richtung Gasthaus begrüßen mich die Bärtschis und führen mich in urtypischer Gemütlichkeit zu einem Tisch, wo ich es mir bei einem Glas Wein schmecken lasse. Sie erzählen, wie sie die Jahre hier oben verbracht haben, welch Erleichterungen die erste Handpumpe im Jahre 1963 und die erste Gondel im Jahre 1964 mit sich brachten; erst im Jahre 1974 war dann die gesamte Engstligenalp elektrisiert. Die Freude wurde allerdings bald gebremst, als sie im Jahre 1978 für die neue Abwasserreinigungsanlage 100.000 Franken aus eigener Kasse zahlen mussten. Einige Geschichten später verabschiede ich mich von der freundlichen Familie und mache mich auf den Weg zurück ins Tal Adelbodens, was auf beträchtlichen 1.350 Höhenmetern liegt und wo ich mich mich satt und müde schnurstracks in das gemütliche Bett meines Hotelzimmers begebe.

Adelbodens adeliger Boden

Am nächsten Morgen liegt Nebel über Adelboden und der Blick von meinem Hotelzimmer aus auf die gegenüberliegende Engstligenfälle, denen ich gestern noch so nah war, ist komplett getrübt. Nichtsdestotrotz schnüre ich meine Stiefel und freue mich auf meinen Ausflug zur Alp Laueli, wo mich die Familie Germann erwartet und in die Geheimnisse des Schweizer Käses einweihen wird. Gemeinsam mit Bergführer Abraham Josi fahre ich eine in Serpentinen angelegte, schmale Straße hinauf und genieße dabei die reine und unverschmutzte Luft. Der Bergführer erzählt mir viele spannende Geschichten, die er in den vielen Jahrzehnten hier oben erlebt hat.

So erfahre ich zum Beispiel, wie der beschauliche Ort Adelboden, dessen Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert reichen, zu seinem Namen gekommen sein soll. Erzählungen nach, geht der Name auf das Alpenrispengras zurück, das in der damals stark bewaldeten Gegend reichlich wuchs und den ausgemergelten Tieren der umherziehenden Bauern als äußerst willkommene Nahrung diente. „Ach, welch' adeliger Boden“, sollen die ebenfalls erschöpften Bauernleute gesagt haben und ließen sich nieder. Abraham erklärt mir auch, dass drei Viertel des bergbäuerlichen Einkommens wegen der strengen Tier- und Naturschutzauflagen vom Staat getragen werden. Wäre dem nicht so, würde das Schicksal der traditionellen Alpwirtschaft besiegelt sein – keine Familie könnte sich dann noch das Leben und Arbeiten hier oben leisten, was äußerst bedauerlich wäre. Während der Fahrt lichtet sich langsam der Nebel und öffnet wieder den Blick auf Adelboden und die Engstligenfälle, die ich irgendwie besonders reizvoll finde.



 
Der Reiseführer!